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Die Geschichte des MSV
Meidericher SV trotzt Schalke 04
Spielszene: gegen Schalke 04 von 1929  

Im Rampenlicht der Szene - Walter Krämer der Meidericher Kuzorra -
Kein Fahrgeld für die Straßenbahn - Chaos im Wedaustadion -
Im Gau kein Platz für den MSV - Bekenntnis zum Vertragsspieler

Erstmals Niederrheinmeister und für die Runde der Westmeisterschaft qualifiziert,
räumt der MSV 1929 Südwestfalenmeister SuS Hüsten 09 beiseite. Die folgende Begegnung mit dem FC Schalke 04 (s. Foto oben), gerade wie ein Komet am Fußballhimmel aufgegangen, wird zu einem Traumschlager. 30.000 begeisterte Zuschauer drängen sich im Oberhausener Niederrheinstadion. Hein Graffmanns Eigentor und ein Treffer des Schalkers Ebert werfen die Meidericher anscheinend hoffnungslos zurück. Die Duisburger Vorstädter legen alle Hemmungen ab. Heinrich Klein und Walter Weber, der kleine Wirbelwind, gleichen aus. Doch Schalke siegt noch 3:2. Die Ehrfurcht vor den Schalkern, in deren Reihen der Wunderknabe Ernst Kuzorra und Fritz Szepan stehen, ist abgelegt. Der Gegner bekommt es im Rückspiel zu spüren. Walter Spiering, Gerd Scheepermann, Heinrich Klein und (natürlich) der Tausendsassa Walter Krämer schießen vier Tore und triumphieren im Rückspiel auf der Essener Radrennbahn mit 4:2. Der Westmeistertitel bleibt vakant. Aber Schalke und MSV haben sich für die deutsche Meisterschaft qualifiziert. Das ist die Erfüllung einer Sehnsucht, welche nur wenigen Vereinen zuteil wird. Die meisten Klubs können davon lediglich nur träumen.

Erster Gegner der Spiele um die "Viktoria", die höchste Trophäe des deutschen Fußballs, ist der renommierte Hamburger Sportverein, der amtierende deutsche Meister. Die norddeutschen kommen mit dem bereits legendären Tull Harder und weiteren Stars: Blunk, Baier, Risse, Hlaverson und dem Essener Schwarz-Weißen Franz Horn, nun im HSV-Trikot, in das Wedaustadion. 20.000 Zuschauer sind entsetzt, als die Hamburger schon nach drei Minuten 0:1 vorne sind. Nach einer halben Stunde heißt es 0:2 durch Tull Harder. Die Partie scheint entschieden. Doch ist das eine Rechnung ohne den Meidericher Kampfgeist. Wilder Jubel auf den Rängen, als Walter Krämer durch raffinierten Freistoß den Anschlusstreffer und Walter Spiering den Ausgleich erzielt. Franz Horn bewahrt seine Mannschaft mit seinem dritten Tor vor Verlängerung und durchaus möglicher, sensationeller Niederlage.

Die Meidericher scheiden aus dem Wettbewerb um die "Viktoria" aus, aber sie sind dennoch wer im deutschen Fußball. Noch vor Saisonschluss, am 23. Juni 1929, steht ein Leckerbissen auf der Fußballkarte: Finale um die Westmeisterschaft gegen Schalke, Spiel also um den regionalen Titel, der aus Termingründen ausgesetzt war. Die "Zebras" aus Meiderich gelten mittlerweile etwas. Mittelstürmer Walter Krämer, der kleine Mann mit dem großen Torinstinkt, nennt man in diesen Tagen in einem Atemzug mit den berühmten Schalker Schwägern, Ernst Kuzorra und Fritz Szepan. Die erneute Auseinandersetzung mit den Schalkern wollen sich die Fans an Rhein und Ruhr nicht entgehen lassen. 25.000 strömen auf die Ränge des Stadions am Essener Uhlenkrug.

Fußball ist in jenen Tagen das große Schauspiel des kleinen Mannes, der Ablenkung sucht in einer wirtschaftlich deprimierenden Zeit. Das Millionen-Heer der Erwerbslosen fristet ein kärgliches Dasein. Große Sprünge kann sich keiner erlauben. Fußball ist spannende und zugleich preiswerte Unterhaltung. Der Kumpel konsumiert sie mit Begeisterung. Manch einer, der sich zu Spielen im Revier zu Fuß auf den Weg macht, weil das Fahrgeld für die Straßenbahn nicht reicht. Nicht selten, dass man die Fans schon tags vor dem Ereignis mit ihren Fahnen von Stadt zu Stadt wandern sieht, dem Stadion entgegen, das ein Fußball-Spektakulum verspricht.

So ist es auch beim "Nachtrags-Finale" um die Westmeisterschaft zwischen Schalke und dem MSV. Tore von Kuzorra uns Szepan wie Walter Krämer auf der anderen Seite führen zum Schalker 2:1 Sieg und deren erster Westmeisterschaft. Die große Schalke-Ära beginnt. Der MSV darf für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, der bedeutendste Rivale der "Königsblauen" aus Gelsenkirchen in jenen Tagen gewesen zu sein, der den Schalkern schließlich den Weg zum Marsch an die Spitze des deutschen Fußballs erst nach erheblichen Widerstand freimacht.

Überraschend scheitern die Meidericher in der nächsten Saison bereits in den Spielen zur Niederrheinmeisterschaft am Homberger Spielverein. Ein Jahr später melden sie sich erneut zu den Spielen um den Westtitel. Der Verzicht auf den verletzten Walter Krämer in den erste Begegnungen macht sich unangenehm bemerkbar. Immerhin retten die "Zebras" mit einem 4:2 Sieg am Essener Uhlenkrug über Schwarz-Weiß Barmen noch den dritten Platz, der zur erneuten Teilnahme an der deutschen Meisterschaft berechtigt.

TSV 1860 München, damals auf dem Höhepunkt seiner Stärke, darf den MSV in der ersten Begegnung der Spiele um die "Viktoria" zu Hause empfangen. Die niederrheinischen Gäste bleiben gegen die "Münchner Löwen" mit deren Stars Alf Riemke, Alois Pledl, dem Einarmigen und Pipin Lachner bei der 4:1 Niederlage ohne Chance und scheiden aus. Dennoch ist der MSV an der Zwischenrunde beteiligt. Nicht seine Mannschaft, wohl aber sein Schiedsrichters, Hans Wede, mischt mit. Er pfeift das Treffen der Münchner mit Hostein Kiel im Wedaustadion. Die Bayern setzen sich mit 2:0 durch. Erst Hertha BSC Berlin stoppt sie im Finale 3:2.

Die Saison 1931/32 sieht die "Zebras" abermals in ausgezeichneter Verfassung. Der VfB Ruhrort hält in den Gruppenspielen lange mit und wird erst in der Endphase knapp abgehängt. Mit dem Sieger der Nachbargruppe, dem Duisburger Fußballverein 08, sind drei Gänge notwendig. Die erste Partie an der Westender Straße geht 4:0 an den MSV, die zweite in Hochfeld 3:2 an Duisburger Fußballverein 08. Die Entscheidung im Wedaustadion fällt vor 25.000 Zuschauern mit 4:1 eindeutig für die Meidericher aus.

Immer einmal etwas Neues: Die Spiele um den westdeutschen Titel werden diesmal im Pokalsystem ausgetragen. Wer verliert, scheidet aus. In der ersten Runde muss die Spielvereinigung Herten dem MSV einen 4:0 Sieg überlassen. Schon die nächste Runde führt die härtesten Rivalen der vergangenen vier Jahre, die Meidericher und Schalker, im Wedaustadion zusammen. Es ist der 24. April 1932, ein Wahlsonntag von weittragender politischer Bedeutung. Die Nationalsozialisten drängen an die Regierungsmacht. Das politische Klima ist hochexplosiv. Die Straße gehört den Extremisten von links nach rechts. Dennoch feiert der Fußball, ob man es wahrhaben will oder nicht, einen Triumph. 50.000 stürmen das Stadion in der Wedau. Die Polizei hat an diesem Tag anderes zu tun, als sich um Fußball zu kümmern. Sie hat über die hochgeheizten politischen Gemüter zu wachen. Die Folge im Stadion: Chaos. Die Treppen zu den Sitzplätzen blockiert, die Massen durchbrechen die größtenteils zivile Absperrung.
Tausende drängen in den Innenraum. Nur mit Mühe könne die Seitenlinien freigehalten werden. In dem Hexenkessel fühlen sich Kuzorra/Szepan & Co sichtlich wohl und distanzieren die Meidericher mit 5:1.

Diese Begegnung bleibt für den MSV auf lange Jahre wehmütige Erinnerung. Nur wenige Monate später, im Januar 1933, übernehmen die Nationalsozialisten die politische Macht. Ihr fanatisches Sendungsbewusstsein macht auch vor dem Sport nicht halt. Der völkische Begriff der Gaue macht auch im Fußball Eingang. Der Niederrhein wird zu einem der 16 Gaue im Reichsgebiet. Die Gruppenstärke: Zehn Mannschaften. Für den MSV gibt es keinen Platz in diesem Kreis. Die Meidericher müssen sich mit der Bezirksklasse abfinden. Das deprimiert die Mannschaft. Erstklassige Spieler wandern ab. Der MSV fällt in die Anonymität zurück. Werksmannschaften schießen wie Pilze aus dem Boden. Bei den Werken genießen Sportler Vorteile. Das neue Regime begrüßt das. Der Meidericher Spielverein gerät zwischen die Mühlsteine dieser Entwicklung. Seinem Vorstand bleibt nahezu nur Resignation. Es gibt Spieltage, an denen neben einer bescheidenen Anzahl von Zuschauern der Gerichtsvollzieher steht und die dürftige Einnahme beschlagnahmt. Das bisher unbekannte Gespenst des Abstiegs geistert umher. Doch mit den Getreuen wird die Krise endlich gemeistert, die Bezirksklasse erhalten.

Der zweite Weltkrieg setzt allen die gleichen Zeichen. Der MSV versucht seine Tradition mit den Daheimgebliebenen zu wahren. Er setzt wie eh und je auf die Jugend, in der Hoffnung, mit ihr die düstere Gegenwart zu überwinden und die Zukunft zu gewinnen. Der Zufall steht in Kriegszeiten Pate. Soldaten benachbarter Flakeinheiten, ausgezeichnete Fußballer, spielen im Zebra-Dress. Sie helfen dem MSV über eine schwere Zeit. Am Ende des verlorenen Krieges 1945 ist der Sport und mit ihm der Meidericher Spielverein in das Trümmerfeld eingeebnet.

Die Militärregierung erklärt auch die Sportvereine für aufgelöst. Heinrich Rexwinkel, Peters, Willy Laaks und schließlich auch Eberhard Graffmann sind die ersten die, die MSV-Geschicke wieder in die Hand nehmen. Sie scharen die alten Freunde um sich, werben neue und beschaffen auf abenteuerliche Weise Sportgerät und Kleidung. Der Spielbetrieb läuft wieder an. Auftrieb erhält das Bemühen um den Wiederaufbau durch Erfolge im Fußball. Die Besatzungsbehörden gestatten wieder Sport in den Vereinen. Der MSV besitzt eine so starke Mannschaft, dass sie die Stadtmeisterschaft in der "Einheitsklasse", an der alle heimischen Mannschaften unterschiedslos teilnehmen, gegen den Duisburger Spielverein gewinnt. In der späteren Qualifikation zum Aufstieg in die neu formierte höhere Spielklasse bleibt er überraschend hängen. Die Meidericher müssen ihr Dasein in den nächsten Jahren in der "Etappe" fristen. Ihr Prunkstück jener Tage ist der gefürchtete Innensturm mit "Bubi" Trapphoff, "Burger" Hetzel (s. Foto unten) und "Schorsch" Gawliczek, dem späteren Assistenten des Bundestrainers, Sepp Herberger.

Bei Einführung des Vertragsspielertums 1948 bekennt sich auch der Meidericher Spielverein zu dem neuen Weg. Der MSV wird der zweiten Liga zugeteilt. Den Aufstieg nach der ersten Saison müssen die Zebras allerdings Borussia Mönchengladbach und Sportfreunde Katernberg überlassen. Auch Duisburger Spielverein, Hamborn 07 und Duisburg 08 erreichen noch vor dem MSV die Oberliga. Sportlehrer Thönissen folgen nach einjähriger Tätigkeit zeitweilig die ehemaligen Nationalspieler, Willi Jürissen und Paul Zielinski, als Trainer.

Mit Willi "Fischken" Multhaup kommt 1950 ein profilierter Mann. Er packt 1951 die Oberliga, die höchste deutsche Klasse auf Anhieb. Die Überlegenheit der Meidericher drückt der Siebenpunkte-Vorsprung vor dem zweitplazierten,
ETB Schwarz-Weiß Essen, aus.

Die erfolgreiche Elf Erwin Pajonk, Theo Kreineberg, Kurt Neumann, Heinrich Stemmer, Wilhelm "Ömmes" Schmidt, Hansi Krämer, Ferdi Mühlenberg, Günter Vook, Heinz Grezina, Karl "Burger" oder auch "Bubi" Hetzel (s. rechts), Willy Ostermann, Willy van Wylik und Kurt Küppers.
Karl 'Burger' oder auch 'Bubi' Hetzel

Der Aufstieg wird für Meiderich ein Ereignis, an dem große Teile der Bürgerschaft teilhaben. Beim Festzug durch die Straßen verschmähen die MSV-Honoratioren die bereitgestellte Kutsche. Aufmarschleiter Dietz Metes, MSV-Boxexperte, kommentiert den Vorgang: "Unsere alten Herren lehnen es ab gefahren zu werden. Sie gehen zu Fuß". Viel Prominenz, an der Spitze Oberbürgermeister August Seeling, erscheint zur Gratulation. Organisator der "Meidericher Festwoche" ist Verwaltungsratsmitglied Willi Strohm. Für die Frauen hat er sich im 1400 Personen fassenden Festzelt an der Dennewitzstraße einen besonderen Gag einfallen lassen: Eine Modenschau mit Berufsmannequins, die Neuschöpfungen der Damen- und Herrenmode, bereitgestellt von zehn Meidericher Geschäften, vorführen.
 
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