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Die Geschichte des MSV
Erster Abstieg der Klubgeschichte
Spielszene - Oberligaaufstieg 1955/1956

Bitterste Stunden - Ironische Fratze an der Zeche Mont Cenis - Der Fall Rappenberg - Verjüngungskur unter Lindemann - Elmar Rösch als Retter - Redseliger Schiedsrichter - Bundesliga am Horizont - Schatten über der MSV-Zukunft -
Kein Geld für Spielerkäufe - Vertrauen zum eigenen Nachwuchs - Wichtiges 1:0 in Dortmund - Trainervertrag auf der Speisekarte - Sieg über Hamborn 07.

Den ersten Abstieg seiner Vereinsgeschichte 1955 begleiten indes kuriose Umstände. 26:34 Punkte reichen nicht für den Klassenerhalt. Das schlechtere Torverhältnis entscheidet gegen den MSV. Der letzte Spieltag trägt geradezu tragikomische Züge. Regisseur Zufall hatte seine Hand im Spiel. Auf dem Final-Programm steht das Städte-Derby Duisburg (mit Meidericher und Duisburger Spielverein) gegen Herne (mit Westfalia und SV Sodingen). MSV, Westfalia und Sodingen wandeln auf dem schmalen Grat zwischen Klassenerhalt und Abstieg. Auch die Partie am Essener Uhlenkrug zwischen ETB Schwarz-Weiß Essen und Borussia Mönchengladbach liegt auf der gleichen Ebene. Beide können ebenfalls zweitklassig werden. Dieser letzte Spieltag muss die Frage nach dem zweiten Absteiger (das Schicksal des VfL Bochum ist bereits besiegelt) beantworten: Borussia Mönchengladbach, ETB Schwarz-Weiß Essen, Westfalia Herne oder Meidericher Spielverein. 

Der MSV verliert in Sodingen 2:0, Schwarz-Weiß Essen entledigt sich mit dem gleichen, aber siegreichen Ergebnis gegen Mönchengladbach aller Sorgen und Westfalia Herne sichert sich überraschend beide Punkte mit einem 3:2 über den Duisburger Spielverein im Wedaustadion. Den Meiderichern aber zeigt das Schicksal in der bisher bittersten Stunde ihrer Vereinsgeschichte auch noch eine ironische Fratze. Die Niederlage in Sodingen scheint mit der Erleichterung versüßt zu werden, die Oberliga doch erhalten zu haben. An der Ergebnistafel des Stadions an der Zeche Mont Cenis erscheint der Duisburger Spielverein als 3:2 Sieger über Westfalia Herne. Die Meidericher brechen in Jubel aus, um Minuten später von tiefster Resignation gequält zu werden: Das Ergebnis an der Anzeigetafel wird in einen Herner 3:2 Sieg korrigiert. Das bedeutet Abstieg für den MSV.

Ärger und Verdruß bereitet in dieser Saison der "Fall Rappenberg", der in die Fußballgeschichte eingeht als eines der tollsten Possenspiele, die es je gab. Er beschäftigt die Instanzen des Westdeutschen Fußball-Verbandes (WFV) über Monate und sogar den Deutschen Fußballbund (DFB). Die Presse berichtet und beleuchtet die Vorfälle aus allen Blickwinkeln. Im Zentrum der instanzlichen Auseinandersetzung stehen Meidericher Spielverein, ETB Schwarz-Weiß Essen und Westfalia Herne. Die Verbandsgremien befehden sich untereinander mit Einsprüchen, Berufungen und Widerrufen. Allein die Meidericher werden schließlich Opfer eines Grabenkrieges im unübersichtlichen Dschungel von Paragraphen, Meinungsverschiedenheiten in der Auslegung von Statuten und mancherlei Verdrehungen von Tatbeständen. Die Hinterlassenschaft eines Wustes von Schriftsätzen und zahlreicher Verhandlungen von Rechtsgremien mit Zustimmung oder Ablehnung allerhöchster Verbandsfunktionäre ist ein Tohuwabohu, das ein Bochumer Delegierter auf dem WFV-Verbandstag in der Wedau-Sportschule die "größte Blamage des westdeutschen Fußballs" nennt.

Das Verbandsgericht als oberste Rechtsinstanz im WFV verweist ein Urteil der Verbandsspruchkammer an diese zurück, die jedoch nach erneuter Verhandlung zu ihrer ersten Entscheidung steht. Berufungen von allen Seiten, auch des Verbandsvorstandes, entwirren die Situation nicht. Der Deutsche Fußball-Bund wird angerufen. Dem aber scheint das Eisen zu heiß und vertröstet, vertagt, verschiebt. Die zusammengetragenen Scherben lassen sich nicht kitten. Der WFV-Vorstand bekennt offen seine Ohnmacht, "weil es keinen Ausweg gibt".

Als reine Substanz des "Falles Rappenberg" blieb dies: Westfalia Herne löste den Vertrag mit Gerd Rappenberg, dem im Oktober 1954 wegen Schiedsrichterbeleidigung und Tätlichkeit des Platzes Verwiesenen, beantragt für ihn im Februar 1955 eine neue Lizenz und erhielt sie auch Anfang März, allerdings erst nach dem 2:2 Spiel Hernes (mit dem nichtspielberechtigten Rappenberg) gegen die Meidericher. Der MSV protestierte zunächst erfolgreich gegen die Wertung und bekam beide Punkte zugesprochen, die den Klassenerhalt bedeutet hätten. Dieser Spruch wurde jedoch annulliert. Die spätere Absicht, Herne alle mit Rappenberg gewonnenen Spiele wiederholen zu lassen, verwarfen die Verbandsinstanzen ebenfalls wieder. Die Zeit rann dahin, die neue Saison begann. Mit dem MSV - aber in der zweiten Liga.

Hans Kempken gibt nach sechsjähriger Tätigkeit, die mit dem Aufstieg (s. rechts) in die Oberliga 1951 und Erfolgen in den nächsten Jahren Höhepunkte auswies, 1955, in einem Jahr tiefer sportlicher Erniedrigung, den Vorsitz an den Architekten Wilhelm Henkel ab. Trainernachfolger von Radoslav Momirski wird Hermann Lindemann, der von Alemannia Aachen an die Westender Straße kommt. Mit ihm arbeitet Eberhard Graffmann, der großartige Spieler der Meistermannschaft Ende der 20er Jahre und Vereinsvorsitzende von 1947 bis 1949, als Vertragsspielerobmann zusammen. Graffmann und Lindemann erweisen sich als ein harmonisches Gespann im Sinne einer fundierten Leistungsentwicklung. Hermann Lindemann, ein Trainerfuchs und mit allen Wassern gewaschen, packt seine Arbeit hoffnungsvoll an, aber er hütet sich vor voreiligen Prognosen hinsichtlich eines Wiederaufstiegs "auf Anhieb".

Oberligaaufstieg 1955 / 1956.

Er lässt sich keine Garantien abhandeln. Die Zielstrebigkeit seiner Maßnahmen wird jedoch mit einem erneuten Aufstieg zur Oberliga gleich im ersten Jahr seiner Tätigkeit belohnt. Am letzten Spieltag der Saison reicht dem MSV ein 1:1 am Erkenschwicker Stimberg. Neben dem VfL Bochum steigen die Meidericher als Tabellenzweiter mit 43:17 Punkten, allerdings nur mit dem besseren Torverhältnis vor dem in jenen Tagen als dem "ewigen Zweiten" abgestempelten VFB Bottrop, auf. Eine Flut von Glückwunsch-Telegrammen fast aller Vertragsspieler-Vereine, einschließlich der vom Pech so verfolgten Bottroper, verrät die Sympathien, die der MSV im westdeutschen Fußball genießt, und das vielleicht gerade wegen des vor einem Jahr unter so widrigen Umständen erzwungenen Abstiegs. Viel Schmunzeln löst der Glückwunsch eines Frankfurter MSV-Fans aus, der Mannschaft und Betreuern neben Worten der Bewunderung zwanzig Schlipse als Präsente übersendet. Die technisch brillanten Meidericher gelten eben als Bereicherung der höchsten Klasse. Damals ahnten Eberhard Graffmann und Hermann Lindemann nicht, dass sie mit ihrem "Wiederaufstieg auf Anhieb" Voraussetzungen schaffen halfen, ohne die 1963 die Aufnahme in die Bundesliga wahrscheinlich nicht stattgefunden hätte. Den Meiderichern hätten die Zähler in der berühmt-berüchtigten Punktetabelle, die der Deutsche Fußball-Bund zur "Vermessung" der künftigen Bundesligisten anlegte, wohl gefehlt. So einfach, wie sich das liest, war der Weg durch die zweite Liga nicht. Nach fünf Spieltagen finden sich die Meidericher mit 4:6 Punkten, wie sich Hermann Lindemann später erinnerte, in einer unerwartet schwachen Position.

Der Trainer sieht sein und seiner Mannschaft Heil in einem Umbau der Elf. Er und Eberhard Graffmann entschließen sich zu einer Verjüngung. Lindemann bittet seinen Spielführer Kurt Neumann (Lindemann: "Der beste Kapitän den ich je in meiner Trainerlaufbahn kennenlernte") zu sich und bespricht mit ihm die Situation. Man will also auf jüngere Leute setzen, an denen es dem MSV nicht mangelt, und man nimmt das Risiko der geringeren Erfahrung in Kauf. Da kommen nun Heinz Bohnes (Lindemann: "Der Typ des modernen Mittelstürmers, der auf die Flügel ausbricht"), Heinz Wieczorek und schließlich Ludwig (Lullu) Nolden, in die Mannschaft. Hermann Lindemann hatte bereits Erich Dziwoki von Eintracht Frankfurt und Uwe Scheurer von Hamborn 90 an die Westender Straße geholt. Von den alten wie "Bubi" Hetzel, "Ömmes" Schmidt und Ferdi Mühlenberg trennte er sich. "Bello" Küppers hatte der Trainer erfolgreich vom Linksaußen zum Verteidiger umfunktioniert.

Die Saison 1955/56 ist für die Entwicklung des MSV von wesentlicher Bedeutung und mit der vortrefflichen Arbeit Hermann Lindemanns eng verbunden.

Die folgende Oberligaspielzeit (s. rechts) endet mit einem siebten Platz für den MSV, der es auf 32:28 Punkte und ein Torverhältnis von 62:42 bringt. Die Verjüngung der Mannschaft hatte Früchte getragen. Hermann Lindemann weiß von einer kleinen Episode im Rahmen der Totorunde zu berichten, die ausschließlich mit deutschen Klubs durchgeführt wird. Nach dem Spiel bei Tasmania Berlin steht tags darauf eine private Begegnung mit Hertha BSC am traditionsreichen Gesundbrunnen auf dem Programm.

Spielszene

Die Spieler, durchweg erstmals in der geheimnisumwitterten, ehemaligen Reichshauptstadt, bitten den Trainer um Ausgang bis zum Wecken. Sie wollen nicht nur die Sportplätze der Stadt sehen, sie interessiert auch "Spree-Athen" bei Nacht. Lindemann zeigt ein Herz für solche Sehnsucht. Nach dem Bankett bei Tasmania schwirren Lindemanns Schützlinge ab. Vor dem Spiel gegen Hertha ermahnt der Trainer seine Mannen kurz und knapp: "Also meine Herren, wenn's schief läuft, dann brauchen wir uns künftig über derlei Ausgeh-Wünsche nicht mehr zu unterhalten". Und Kapitän Kurt Neumann beschwört seine Kameraden: "Enttäuscht den Trainer nicht". Weder Trainer noch Kapitän hatten ihre Mahnungen in den Wind geschlagen: Hertha BSC erlebte sein blaues Wunder. Die Meidericher siegten 5:1. Hermann Lindemann verfolgt das Ziel einer fortschreitenden Verjüngung weiter. So führt er auch Günter Preuß behutsam an Oberliganiveau heran. Doch Lindemann sieht sein weiteres Glück nicht mehr an der Westender Straße. Über Nacht wechselt er zu Fortuna Düsseldorf. "Die boten mir nahezu das doppelte Salär", bekannte er später. In Meiderich aber reagiert man säuerlich auf Lindemann spontanen Abschied. Als Nachfolger kommt Helmut Kronsbein, der 1954 von sich reden machte, als er Hannover 96 zur Deutschen Meisterschaft führte. Wohl wegen seiner quirligen Beweglichkeit und ausgebufften Cleverness nennt man ihn auch "Fiffi". Der MSV entwickelt sich prächtig und schließt die Saison 1957/58 als Tabellenvierter hinter Schalke 04, 1.FC Köln und Alemannia Aachen ab.

Weniger glücklich verläuft die folgende Spielzeit 1958/59. Gestörte Harmonie zwischen Trainer, Vorstand und Mannschaft zieht einen Leistungsabschwung nach sich. Noch vor Saisonende steht die Trennung von Kronsbein. Die Gründe sind vielschichtig. Sportlich wird ihm vorgeworfen, den sympathischen Aufbau der Mannschaft seinen ehrgeizigen persönlichen Zielen geopfert und mit jungen Nachwuchskräften Raubbau getrieben zu haben. An seine Stelle triff Elmar Rösch. Er ist MSV-Mitglied. Doch statt Fußball spielt er Hockey. Wilhelm Tiefenbach, derzeit als Hockeyabteilungsleiter Mitglied des Verwaltungsrats, schlägt Rösch vor, der das Fußball-Lehrer-Patent besitzt und sich bereits als Trainer beim VfL Bochum bewährt hat. Elmar Rösch tritt kein gutes Erbe an. Er bekommt die Situation in den Griff und belegt mit der Mannschaft zum Saisonschluss den achten Platz. Im letzten Spiel im Wedaustadion unterliegt der MSV Fortuna Düsseldorf mit 0:5. Die Düsseldorfer unter Trainer Hermann Lindemann demonstrieren Traumfußball.

Mittlerweile hat Kurt Lehmann im Mai 1959 Helmut Millinghaus im Vorstand abgelöst. Er sieht eine Hauptaufgabe darin, die Schulden abzubauen und dem Klub eine gesund wirtschaftliche Basis zu geben. Mit eisernen Sparmaßnahmen kommt er diesem Ziel immer näher. Bei der Weiterverpflichtung von Elmar Rösch als Trainer mag für Kurt Lehmann auch die Überlegung eine Rolle gespielt haben, dass Rösch seine Arbeitskraft aus innerem Interesse am MSV ungewöhnlich preisgünstig zur Verfügung stellt.

Die Saison 1959/60 lässt nichts an Spannung vermissen. Vor dem letzten Spieltag nimmt der MSV mit 28:30 Punkten den sechsten Tabellenplatz ein. Dennoch ist die Mannschaft abstiegsgefährdet. Preußen Münster steht mit 26:32 Punkten auf dem 13. Rang. Spannung also von höchster Dramatik. Diese Situation lässt in Fußballkreisen, aber auch in der Öffentlichkeit den Vorschlag reifen: Begrabt die Bundesligapläne und schafft im Westen eine 18er-Liga. Doch dieser Ruf verhallt ungehört. Der MSV unterliegt in seinem letzten Punktspiel bei Borussia Dortmund mit 3:2 und sichert sich bei der Schlussabrechnung mit eben den 28 Punkten, denen nunmehr 32 Verlustpunkte gegenüberstehen, den neunten Platz. Lediglich das schlechtere Torverhältnis trennt die Meidericher vom siebten Rang.

Man schreibt das Jahr 1962. Der MSV verfügt über eine der spielstärksten Mannschaften im Westen. Das wird stolz registriert. Schließlich liegen harte Jahre des Wiederaufbaues und der Stabilisierung hinter dem Klub. Man weiß an der Westender Straße: Nur eine leistungsstarke Fußballmannschaft ist Garant für die Lebensfähigkeit des Gesamtvereins. Am Horizont ziehen dunkle Wolken auf. Die Fußball- Bundesliga soll im nächsten Jahr Wirklichkeit werden. Unbehagen über eine ungewisse Zukunft vermischt sich mit dem verlockenden Gedanken einer glanzvollen Etablierung in eben dieser höchsten deutschen Fußballklasse. Wird man die wirtschaftliche Belastung tragen können? Wird die Mannschaft überhaupt in der Lage sein, sich zu qualifizieren ? Sollen vielleicht alle Anstrengungen der vergangenen Jahre umsonst gewesen sein? Bange Fragen im Jubiläumsjahr, in dem der MSV seinen 60. Geburtstag feiert.

Die Spielzeit 1962/63 hat wie kaum je zuvor den Charakter einer Schicksalssaison. Der MSV muss sich schon auf Rang zwei platzieren, soll das große Ziel Bundesliga erreicht werden. Die Mannschaft besitzt beachtliche Spielstärke, die zu großem Optimismus Anlas gibt.

Sie genießt den Ruf einer spieltechnisch eleganten und hochveranlagten Truppe, die starke Kräfte aus dem eigenen Nachwuchs heranreifen sieht. Werner "Eia" Krämer, Günter Preuß, Werner Lotz, Hartmut "Hatte" Heidemann, Dieter "Pitter" Danzberg, Horst "Pille" Gecks.

Der MSV gewinnt den Konstanz-Jersch-Pokal, einen westdeutschen Pokalwettbewerb. Der Verzicht auf den Einkauf fremder Spieler, die stattliche Summen kosten, fällt nicht schwer. Der MSV verfügt über erstklassige Spieler. Die Ausgaben für hohe Transfers kann man sich sparen. Die ersten Spiele der entscheidenden Saison dämpfen berechtigte Hoffnungen.

Meidericher Fussballfans in den 60ern

Punktverluste mit unentschiedenen Resultaten gegen Westfalia Herne, ETB Schwarz-Weiß Essen und Alemannia Aachen folgt eine 1:3 Heimniederlage gegen den 1. FC Köln. Resignation kommt auf. Eine Verletzungsserie hat die Substanz geschwächt. Die Amateure Gecks und Hagenacker müssen aushelfen. Das nach Oberhausen verlegte Lokalspiel gegen Hamborn 07 bringt im sechsten Saisontreffen mit 1:0 den ersten Sieg. Aufatmen: Auch die Verletzungsserie klingt ab und, auch das macht Mut, die vorderen Plätze sind ungewöhnlich hart umstritten. Keinem der übrigen Rivalen gelingt es, sich vom übrigen Feld abzusetzen. Weder den Kölnern noch den Dortmunder Borussen.



Schwerer noch als die Sorge um die sportliche Qualifikation drückt nun die wirtschaftliche Lage. Obwohl an der Westender Straße in Meiderich bester Fußball gespielt wird, ist die Zuschauerresonanz mager. Die Publikumsgunst neigt sich mehr dem Duisburger Spielverein, Hamborn 07 und Rot-Weiß Oberhausen zu, den nachbarlichen Rivalen, die, nur wenige Kilometer ringsum, die Fans anziehen und den Meiderichern finanziell das Wasser abgrabe, den Lebensnerv abzuschneiden drohen. Vorstandsvorsitzender Kurt Lehmann fleht die Journalisten an, die Sportöffentlichkeit zu mobilisieren. Vergebens: Die Meidericher sind als "graue Maus" verschrien. Der Schatzmeister bekommt es zu spüren. Wenn das Fußballvolk noch nicht reagiert, dann muss es durch umso größere Leistungen überzeugt werden. Das ist die Vorstandsdevise zu noch intensiveren Anstrengungen.

Zu Beginn des Jahres 1964 nehmen die Meidericher den siebten Tabellenplatz ein. Keine verheißungsvolle Ausgangslage für die Berufung in die Bundesliga. In gut einem Vierteljahr ist die Entscheidung fällig. Am 8. Januar benennt der fünfköpfige Bundesligaausschuss mit dem Kölner Franz Kremer und dem Nürnberger Dr. Franz an der Spitze auf einer Sitzung in Hamburg die ersten neun auserwählten Klubs: 1.FC Nürnberg, Eintracht Frankfurt, 1. FC Köln, Borussia Dortmund, Schalke 04, Hamburger SV, Werder Bremen, 1.FC Saarbrücken und Hertha BSC Berlin. Und er nimmt eine weitere Auswahl vor. Von den insgesamt 44 Bewerbern bleiben in eben dieser Hamburger Sitzung 15 Klubs bereits auf der Strecke, darunter Rot-Weiß Oberhausen, Borussia Mönchengladbach und Hamborn 07. Der Bundesligaausschuss teilt ihnen mit, dass ihr Aufnahmeantrag abgelehnt sei. Es verbleibt eine Gruppe von 20 Vereinen, die weiter hoffen dürfen. Zu ihnen zählt auch der Meidericher Spielverein. Doch die Chance letztlich noch den Zuschlag zu bekommen, ist keineswegs groß. Lediglich sieben Klubs winkt die Aufnahme in die höchste Klasse, dreizehn müssen ausscheiden. An der Westender Straße in Meiderich ist man skeptisch: In der Schlange der Konkurrenz stehen nicht allein die westdeutschen Rivalen, Preußen Münster und Alemannia Aachen, da sind auch so namhafte Vereine wie der FC Bayern und TSV 1860 München, Karlsruher SC, Kickers Offenbach, VfB Stuttgart und Eintracht Braunschweig, Hannover 96, mehrfach Teilnehmer an der Endrunde zur "Deutschen" und mancher Exmeister. Wie blas ist dagegen das Image der Meidericher!

Die Duisburger Vorstädter resignieren nicht. Sie kämpfen sich durch harte "englische Wochen", die zahlreichen witterungsbedingten Spielausfälle verursachten, langsam nach vorn. Den Durchbruch öffnet der 1:0 Sieg über Borussia Dortmund in der Kampfbahn "Rote Erde". Das Ziel ist jedoch noch nicht erreicht.

April 1963. Auf dem Terminkalender steht das Auswärtsspiel bei Viktoria Köln. Der MSV darf keinen Punkt verschenken, will er die sportliche Qualifikation für die Bundesliga schaffen. "Pitter" Danzberg soll es an diesem Nachmittag vorbehalten bleiben, mit einem vehementen Kopfball in den Schlußminuten noch den 3:2 Sieg zu sichern. Rudi Gutendorf, Zeuge dieses Spiels und ganz auf die Bundesligaehe mit den Meiderichern fixiert, aber noch ohne Vertrag, verhandelt nach dieser Begegnung mit Josef Schwickert, dem zweiten Vorsitzenden, in der bekannten Kölner Gaststätte "Maria im Bildchen". Man wird sich einig und entschließt sich zur vertraglichen Bindung. Auf der Speisekarte des Hauses wird der Kontrakt formuliert und unterschrieben, obwohl der MSV immer noch nicht den Segen des Deutschen Fußballbundes als Mitglied der höchsten Klasse hat. Der MSV zittert weiter. Die lokale Begegnung mit dem unmittelbaren Nachbarn, Hamborn 07, am 5. Mai an der Westender Straße wird mit Spannung erwartet. 15.000 erleben einen Meidericher 2:1 Sieg, den wieder einmal "Pitter" Danzberg mit einem wuchtigen Schuss in der 90. Minute sicherstellt. Der Hamborner Rolf Schafstall, damals ein bissiger Verteidiger, foult "Eia" Krämer. Horst Podlasly, der wenige Wochen später zu Hannover 96 geht, wehrt den Freistoß zu kurz ab. Der energiegeladene Danzberg nimmt die Chance im Nachschuss wahr.

"Fischken" Multhaupt (s. rechts), Meidericher Trainer: "Ein Sieg in der 90. Minute ist immer glücklich. Ich bin froh diese wichtige Auseinandersetzung erfolgreich beendet zu haben". Schließlich würde eine Niederlage gegen Hamborn die Aufnahme der Meidericher in die höchste Klasse vermutlich ernsthaft in Frage gestellt haben. Der MSV hatte den vierten Tabellenplatz, einen einzigen Punkt vor Alemannia Aachen erfolgreich verteidigt. Alle Blicke sind auf das letzte Treffen mit Preußen Münster fixiert. Aber noch ehe es angepfiffen wird, löst sich die zum Bersten angestaute Spannung.

'Fischken' Multhaupt, Meidericher Trainer

Schon einen Tag nach dem MSV Sieg über Hamborn 07 entscheidet der Bundesligaausschuss: Preußen Münster und Meidericher Spielverein sind Bundesligisten. Meiderichs 2:1 Sieg über Münster ist nur noch Formsache, bringt den Duisburgern allerdings den dritten und Münster den vierten Platz in der letzten Oberligatabelle ein.

Plötzlich aber, als der MSV die Lizenz in den Händen hält, ist Gutendorf mit den finanziellen Abmachungen nicht mehr zufrieden. Sein Geschäftssinn regt sich; er will mehr. Dr. Walter Schmidt, mittlerweile Kurt Lehmanns Nachfolger im MSV Vorsitz, möchte sich nicht kleinlich zeigen und den Vorstellungen Gutendorfs folgen. Mit seinen anderen Vorstandskollegen einigt er sich, dem neuen Trainer finanzielle Anreize dergestalt zu geben, die Bezüge auf Prämienbasis auszurichten. Das bedeutet: Für die Meisterschaft 30.000 Mark und entsprechende Staffelung bis hinunter zum sechsten Platz. Der Weg ist frei. Man wird die Saison mit Rudi Gutendorf aufnehmen. Josef Schwickert: "Als wir den Prämienvertrag mit Gutendorf schlossen, ahnte niemand von uns, dass wir am Saisonende zahlen würden. Die Vizemeisterschaft aber, an die weder wir noch der Trainer und schon gar nicht die deutsche Fußballöffentlichkeit zu glauben wagten, war uns die Prämie wert. Die Einnahmen waren zudem entsprechend, so dass uns die Erfüllung der vertraglichen Pflicht nicht schwer fiel".
 
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