Ewald Lienen

Ein Interview der Rheinischen Post vom September 1993,
als Ewald Lienen 1/2-Jahr Cheftrainer beim MSV war:
DUISBURG. Noch ohne Niederlage auf Platz vier - Aufsteiger MSV Duisburg lässt in der Fußball-Bundesliga Fans und Experten staunen. Großen Anteil am Glanzstart wird Trainer Ewald Lienen zugemessen, dessen Einsatz, Mannschaftsführung und Kompetenz in Duisburg sehr geschätzt werden. Der im Jahre 1993, 39jährige, früher sozialpädagogisch und politisch so aktiv, daß er ernsthaft die Abkehr vom Fußball erwog, äußert sich vor dem Revier-Derby gegen Borussia Dortmund zu seinem Sinneswandel, seiner Arbeit, seinen Grundsätzen und seinen Zielen.

RP: Wenn man die Tabelle betrachtet, ist der Aufsteiger MSV heute gegen Titelanwärter Dortmund wohl Favorit, oder etwa nicht?

Lienen: Es wäre fatal, wenn wir das glauben würden. Borussia ist nach wie vor eine europäische Spitzenelf, auch wenn es in einzelnen Teilen noch nicht so rund läuft. Wir sind froh über den guten Start, wissen aber, daß die Lorbeeren, die wir jetzt ernten, schnell welken können.

RP: Sie haben sich mit dem Profifußball augenscheinlich gut arrangiert. Wie ist es dazu gekommen?

Lienen: Anfang der achtziger Jahre hatte ich aufhören wollen, den Fußball, der immer mein Hobby war, an dem ich mit Herzblut hing, dann jedoch mehr und mehr als Beruf akzeptiert. Ab 1985 begann ich zu denken, daß dies, in welcher Funktion auch immer, für mich eine Alternative sein könnte. Irgendwo erkannte ich wohl, daß es den Beruf, in dem man die Welt verbessern kann, nicht gibt.

RP: Da reifte dann auch der Trainer-Entschluss?

Lienen: Als ich 1987 nach Duisburg kam, hatte ich schon vor, eine Trainerausbildung zu beginnen. Das war ein Versuchsballon, sicherlich auch, weil ich nicht mehr mit letzter Überzeugung hinter dem Studium zum Diplom-Pädagogen, das ich aufgenommen hatte, stehen konnte.

RP: Und wann haben Sie die Prüfung mit der Note eins abgelegt?

Lienen: Das war 1989 - mit dieser ominösen Note. Benno Möhlmann war noch einen Tick besser. Ich glaube, er hatte 1,50 oder 1,52. Aber die Noten sind im Prinzip Makulatur. Was dort abgefragt wird, ist weitestgehend Theorie. Und ich war ja als Trainer absoluter Theoretiker.

RP: Sie galten lange als Rebell und Linksaußen im Profifußball. Sind sie ein anderer Mensch geworden?

Lienen: Sicherlich nicht! Und Rebell? Ich habe Fußball gespielt wie viele andere, gekämpft bis zum Abwinken, denn das war immer mein Naturell, für ein Ziel alles zu geben. Die Klischees hingen mit meinem äußeren Erscheinungsbild zusammen, damit, daß ich mich politisch engagierte und äußerte. Nur - man kann nicht sein ganzes Leben lang zur Demonstration gehen und immer dasselbe sagen. Ein bisschen ist mir auch das Sendungsbewusstsein abhanden gekommen. Es war aber eine große Bestätigung für mich, daß der millionenfache Protest innerhalb der Friedensbewegung etwa für die Reduzierung der atomaren Bedrohung nicht umsonst gewesen ist. Da ein ganz kleines bisschen mitgewirkt zu haben, macht mich stolz.

RP: Wie ist eigentlich der Trainer Lienen, welche Grundsätze hat er, welch Prinzipien sind für ihn heilig? Man hört von eminenten Fleiß Ihrer Gründlichkeit.

Lienen: Ein Fünkchen Wahrheit ist daran, aber so ein akribischer Arbeiter bin ich sicher nicht. Das ist auch so ein Klischee. Es gibt ja nicht nur den Fußball im Leben. Aber einige Werte sind für mich ganz wichtig: Harmonie innerhalb des Arbeitsbereiches, eine Mannschaft, die sich gegenseitig respektiert, ein Team mit einem guten Arbeitsklima. Ich möchte Spaß an meiner Arbeit haben, und das versuche ich auch meinen Spielern zu vermitteln. Man kann nur erfolgreich sein, wenn man ein Mindestmaß an gegenseitiger Achtung aufbringt, mit Freude bei der Sache ist.

RP: Aber das Klima ist stark erfolgsabhängig.

Lienen: Richtig, in dieser Saison muss sich noch zeigen, wie wir mit Niederlagen umgehen. Aber ich verlange von meiner Mannschaft, Ruhe zu bewahren und ob wir nun siegen oder verlieren, zusammenzuhalten. Ich fordere auch von den Spielern Selbständigkeit und Selbstbewusstsein. Im Umgang mit den Medien verbiete ich keinem den Mund. Ich will aber, daß sie sich auf dem Fußballplatz und außerhalb verantwortlich verhalten sich selbst und der Mannschaft gegenüber. Darüber diskutieren wir sehr streng.
RP: Sie sprechen viel mit Ihnen?

Lienen: Ja, ich versuche eine Beziehung zu jedem aufzubauen und das auch innerhalb der Mannschaft zu fördern. Wenn ich nur mit der Trillerpfeife am Spielfeldrand stünde ohne menschliche Beziehung, könnte ich auch kein Vertrauen in eine Mannschaft haben.
RP: Haben Sie eigentlich ein Leit- oder Vorbild?

Lienen: In der Form, daß ich einem bestimmten Trainer nacheifere, nicht. Ich bin offen jedem gegenüber. Das Leben ist ein ständiger Lernprozess, in dem ich versuche, meinen Stil zu finden und selbstkritisch zu sein ohne alles in Frage zu stellen.
RP: Wie kritisch sehen Sie die Bundesliga heute?

Lienen: Ich denke, sie ist gar nicht so schlecht. Vieles bewegt sich in eine positive Richtung, etwa der Versuch, das Spiel attraktiver und fairer zu machen. Man verschließt auch nicht die Augen gegenüber Dingen wie Ausländerfeindlichkeit oder Entwicklung im Osten. Da wird Flagge gezeigt. Mich erstaunt aber manchmal, daß man an die Bundesliga, wenn es zum Beispiel um politische Themen geht, so riesengroße Maßstäbe anlegt. Wenn man diese sehr kritischen Maßstäbe an alle gesellschaftlichen Bereiche anlegen würde, wäre mir wohler.
RP: Das liegt wohl daran, daß die Liga voll im Rampenlicht steht.

Lienen: Ja, und ich denke manchmal, da wird mit zweierlei Maß gemessen. Als ob die Bundesliga die perfekte Welt in sich sein müsste! Es heißt zum Beispiel oft: Fußballer sind politisch nicht kritisch genug. Bei anderen Berufsgruppen wird das nie thematisiert. Es ist ja ohnehin eine der schwierigsten Übungen für Fußballer, auf dem Teppich zu bleiben, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Ich sehe da ausgesprochen positive Persönlichkeitsentwicklungen und möchte andere Leute mal sehen, wie sie sich verkaufen, wenn sie täglich von den Medien bombardiert werden. Aber ich will die Bundesliga keineswegs in den Himmel heben. Es gibt auch Negatives - wie in jedem Lebensbereich.
RP: Noch mal zurück zur aktuellen Situation des MSV: Ist die Saison- Zielsetzung nach dem guten Start eine andere?

Lienen: Mit absoluter Sicherheit nicht. Ich sage der Mannschaft immer: Wir haben eine große Zielsetzung, nämlich die Klasse zu erhalten, aber es gibt an jedem Tag, bei jedem Training, in jedem Spiel kleine Ziele, und wer sich die nicht setzt, der kann sich auch nicht verbessern. Wir wollen in jedem Spiel versuchen, schönen Fußball zu spielen, kämpferisch und läuferisch alles zu geben. Und dann sehen wir, was dabei herauskommt.
 

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