15. Oktober 1997, unser MSV empfängt Hansa Rostock
zu einem Bundesligaheimspiel. Nichts ungewöhnliches möchte
man meinen. Doch es hängt da ein Transparent im Stadion:
"Ewald - Trotz 2 : 28 Punkten, wir lienen Dich!"
Und wo hat es das schon gegeben, daß der Trainer der
Gastmannschaft mit stehenden Ovationen empfangen wird? An
der Wedau, wenn unser ehemaliger Spieler und Trainer das
Stadion betritt.
Warum gerade Ewald? Was ist das besondere an ihm, daß
viele Zebra-Fans nicht vergessen werden? Ich denke, es
steht ausser Zweifel, daß Ewald als Spieler und auch als
Trainer großes für unseren MSV geleistet hat. Welch
tolle Spiele lieferte der MSV unter seiner Führung, da
wurde offensiv gespielt und so mancher Zuschauer gewonnen.
Fast wäre auch ein Ammunike zum MSV gewechselt. Aber
Ewald ist auch ein Mensch, der weiß, das es neben dem Fußball
noch andere sehr wichtige Dinge in unserer Gesellschaft
gibt und er hat immer Stellung bezogen, insbesondere zu
gesellschaftspolitischen Fragen. Und insbesondere diese
Eigenschaft, eigene Standpunkte zu vertreten, Profil zu
zeigen, das macht Ewald Lienen gerade für mich so
interessant.
Nachfolgend werde ich ein Interview wiedergeben, das mir
freundlicherweise vom Archiv der Rheinischen Post zur
Verfügung gestellt wurde. H.G.Martin führte es mit
Ewald Lienen am 18. September 1993, als er ein halbes
Jahr Cheftrainer des MSV war.
Harmonie nicht nur am dünnen Faden des Erfolgs
DUISBURG. Noch ohne
Niederlage auf Platz vier - Aufsteiger MSV Duisburg läßt
in der Fußball-Bundesliga Fans und Experten staunen. Großen
Anteil am Glanzstart wird Trainer Ewald Lienen zugemessen,
dessen Einsatz, Mannschaftsführung und Kompetenz in
Duisburg sehr geschätzt werden. Der 39jährige, früher
sozialpädagogisch und politisch so aktiv, daß er
ernsthaft die Abkehr vom Fußball erwog, äußert sich
vor dem Revier-Derby gegen Borussia Dortmund zu seinem
Sinneswandel, seiner Arbeit, seinen Grundsätzen und
seinen Zielen.
RP: Wenn man die Tabelle betrachtet, ist der Aufsteiger
MSV heute gegen Titelanwärter Dortmund wohl Favorit,
oder etwa nicht?
Lienen: Es wäre fatal,wenn wir das glauben würden.
Borussia ist nach wie vor eine europäische Spitzenelf,
auch wenn es in einzelnen Teilen noch nicht so rund läuft.
Wir sind froh über den guten Start, wissen aber, daß
die Lorbeeren, die wir jetzt ernten, schnell welken können.
RP: Sie haben sich mit dem Profifußball augenscheinlich
gut arrangiert. Wie ist es dazu gekommen?
Lienen: Anfang der achtziger Jahre hatte ich aufhören
wollen, den Fußball, der immer mein Hobby war, an dem
ich mit Herzblut hing, dann jedoch mehr und mehr als
Beruf akzeptiert. Ab 1985 begann ich zu denken, daß dies,
in welcher Funktion auch immer, für mich eine
Alternative sein könnte. Irgendwo erkannte ich wohl, daß
es den Beruf, in dem man die Welt verbessern kann, nicht
gibt.
RP: Da reifte dann auch der Trainer-Entschluß?
Lienen: Als ich 1987 nach Duisburg kam, hatte ich schon
vor, eine Trainerausbildung zu beginnen. Das war ein
Versuchsballon, sicherlich auch, weil ich nicht mehr mit
letzter Überzeugung hinter dem Studium zum Diplom-Pädagogen,
das ich aufgenommen hatte, stehen konnte.
RP: Und wann haben Sie die Prüfung mit der Note eins
abgelegt?
Lienen: Das war 1989 - mit dieser ominösen Note. Benno Möhlmann
war noch einen Tick besser. Ich glaube, er hatte 1,50
oder 1,52. Aber die Noten sind im Prinzip Makulatur. Was
dort abgefragt wird, ist weitestgehend Theorie. Und ich
war ja als Trainer absoluter Theoretiker.
RP: Sie galten lange als Rebell und Linksaußen im
Profifußball. Sind sie ein anderer Mensch geworden?
Lienen: Sicherlich nicht! Und Rebell? Ich habe Fußball
gespielt wie viele andere, gekämpft bis zum Abwinken,
denn das war immer mein Naturell, für ein Ziel alles zu
geben. Die Klischees hingen mit meinem äußeren
Erscheinungsbild zusammen, damit, daß ich mich politisch
engagierte und äußerte. Nur - man kann nicht sein
ganzes Leben lang zur Demonstration gehen und immer
dasselbe sagen. Ein bißchen ist mir auch das
Sendungsbewußtsein abhanden gekommen. Es war aber eine
große Bestätigung für mich, daß der millionenfache
Protest innerhalb der Friedensbewegung etwa für die
Reduzierung der atomaren Bedrohung nicht umsonst gewesen
ist. Da ein ganz kleines bißchen mitgewirkt zu haben,
macht mich stolz.
RP: Wie ist eigentlich der Trainer Lienen, welche Grundsätze
hat er, welch Prinzipien sind für ihn heilig? Man hört
von Ihrem eminenten Fleiß, Ihrer Gründlichkeit.
Lienen: Ein Fünkchen Wahrheit ist daran, aber so ein
akribischer Arbeiter bin ich sicher nicht. Das ist auch
so ein Klischee. Es gibt ja nicht nur den Fußball im
Leben. Aber einige Werte sind für mich ganz wichtig:
Harmonie innerhalb des Arbeitsbereiches, eine Mannschaft,
die sich gegenseitig respektiert, ein Team mit einem
guten Arbeitsklima. Ich möchte Spaß an meiner Arbeit
haben, und das versuche ich auch meinen Spielern zu
vermitteln. Man kann nur erfolgreich sein, wenn man ein
Mindestmaß an gegenseitiger Achtung aufbringt, mit
Freude bei der Sache ist.
RP: Aber das Klima ist stark erfolgsabhängig.
Lienen: Richtig, in dieser Saison muß sich noch zeigen,
wie wir mit Niederlagen umgehen. Aber ich verlange von
meiner Mannschaft, Ruhe zu bewahren und ob wir nun siegen
oder verlieren, zusammenzuhalten. Ich fordere auch von
den Spielern Selbständigkeit und Selbstbewußtsein. Im
Umgang mit den Medien verbiete ich keinem den Mund. Ich
will aber, daß sie sich auf dem Fußballplatz und außerhalb
verantwortlich verhalten, sich selbst und der Mannschaft
gegenüber. Darüber diskutieren wir sehr streng.
RP: Sie sprechen viel mit Ihnen?
Lienen: Ja, ich versuche eine Beziehung zu jedem
aufzubauen und das auch innerhalb der Mannschaft zu fördern.
Wenn ich nur mit der Trillerpfeife am Spielfeldrand stünde
ohne menschliche Beziehung, könnte ich auch kein
Vertrauen in eine Mannschaft haben.
RP: Haben Sie eigentlich ein Leit- oder Vorbild?
Lienen: In der Form, daß ich einem bestimmten Trainer
nacheifere, nicht. Ich bin offen jedem gegenüber. Das
Leben ist ein ständiger Lernprozeß, in dem ich versuche,
meinen Stil zu finden und selbstkritisch zu sein ohne
alles in Frage zu stellen.
RP: Wie kritisch sehen Sie die Bundesliga heute?
Lienen: Ich denke, sie ist gar nicht so schlecht. Vieles
bewegt sich in eine positive Richtung, etwa der Versuch,
das Spiel attraktiver und fairer zu machen. Man verschließt
auch nicht die Augen gegenüber Dingen wie Ausländerfeindlichkeit
oder Entwicklung im Osten. Da wird Flagge gezeigt. Mich
erstaunt aber manchmal, daß man an die Bundesliga, wenn
es zum Beispiel um politische Themen geht, so riesengroße
Maßstäbe anlegt. Wenn man diese sehr kritischen Maßstäbe
an alle gesellschaftlichen Bereiche anlegen würde, wäre
mir wohler.
RP: Das liegt wohl daran, daß die Liga voll im
Rampenlicht steht.
Lienen: Ja, und ich denke manchmal, da wird mit zweierlei
Maß gemessen. Als ob die Bundesliga die perfekte Welt in
sich sein müßte! Es heißt zum Beispiel oft: Fußballer
sind politisch nicht kritisch genug. Bei anderen
Berufsgruppen wird das nie thematisiert. Es ist ja
ohnehin eine der schwierigsten Übungen für Fußballer,
auf dem teppich zu bleiben, sich selbst nicht so wichtig
zu nehmen. Ich sehe da ausgesprochen positive Persönlichkeitsentwicklungen
und möchte andere Leute mal sehen, wie sie sich
verkaufen, wenn sie täglich von den Medien bombadiert
werden. Aber ich will die Bundesliga keineswegs in den
Himmel heben. Es gibt auch Negatives - wie in jedem
Lebensbereich.
RP: Noch mal zurück zur aktuellen Situation des MSV: Ist
die Saison- Zielsetzung nach dem guten Start eine andere?
Lienen: Mit absoluter Sicherheit nicht. Ich sage der
Mannschaft immer: Wir haben eine große Zielsetzung, nämlich
die Klasse zu erhalten, aber es gibt an jedem Tag, bei
jedem Trainung, in jedem Spiel kleine Ziele, und wer sich
die nicht setzt, der kann sich auch nicht verbessern. Wir
wollen in jedem Spiel versuchen, schönen Fußball zu
spielen, kämpferisch und läuferisch alles zu geben. Und
dann sehen wir, was adbei herauskommt.
Auch zur Zeit kann Ewald
Lienen wieder auf eine erfolgreiche Arbeit zurückblicken,
als Trainer eines potentiellen Abstiegskandidaten steht
er nach 20 Spielen mit Hansa Rostock direkt vor unseren
Zebras auf Platz 6. Ich persönlich würde im Rahmen
meines Aufgabengebietes bei den Lucky-Zebras 97 gerne
einmal ein Gespräch mit Ewald führen. Und ich mache
keinen Hehl daraus, daß Ewald Lienen mein persönlicher
Favorit für den Trainerstuhl unserer Zebras ist. Wer weiß,
vielleicht gibt es ja einmal ein Wiedersehen.
Ewalds Auftritt im Aktuellen Sportstudio am 4.4.1998
Johannes B. Kerner meets Ewald. Um im Fussballjargon zu
verbleiben: Ein hochinteressantes Spiel stand auf dem
Programm, Kerner traf auf einen unberechenbaren Gegner.
Die Fragen nach aufkommender UEFA-Cup- Euphorie wehrte
Ewald bereits an der Mittellinie mit geschicktem Pressing
ab, in dem er diese Frage alleine in den Zuständigkeitsbereich
der Medien verwies. Und dann der Konter: Ewalds Arbeit
besteht nicht aus einer Vision, sondern aus sehr vielen
kleinen Zielen und Visionen. Eine ganz wichtige davon:
Weg vom heute vorherrschenden ergebnisorientierten Denken,
denn der Fussballfan hat ein Recht auf Unterhaltung und
volles Engagement seiner Mannschaft, welches Ergebnis
dabei herauskommt, kann und sollte keiner vorhersagen. In
gewohnt souveräner Manier wehrte er wiederholt weitere
Angriffe Kerners zum Thema UEFA-Cup ab, die von B. Kerner
aber auch immer gleich durch die Mitte vorgetragen wurden.
Die Festlegung vor einer Saison, welchen Platz welche
Mannschaft erreichen kann, wurde von Ewald als Unsinn
abgetan (richtig, denn jeder Mensch weiss, welche
Imponderabilien in einer Saison von 34 Spieltagen stecken
können.). Einen Dreier konnte Ewald natürlich auch
gegen Jörg Berger einfahren, der Hansa Rostock vor
dieser Saison Hansa den 18. Platz prognostizierte und
dies mit mangelndem Informationsstand entschuldigen
wollte. Krönung des ganzen war die Torwand, in der Ewald
3 Bälle im wahrsten Sinne des Wortes versenkte, die
Freude brachte Ewald mit einer geballten Faust zum
Ausdruck!
Fazit: Spielwertung sehr gut (die Auseinandersetzung fand
auf hohem Niveau statt), Gast des Abends: Natürlich
Ewald Lienen!
10. März 1999: Endlich Freiheit für Ewald!
Ist Duisburg Ewalds Schicksalsstadt? Jedenfalls war der
bedauernswerte Auftritt der Hanseaten gegen unsere Zebras,
der mit einer 1 : 4 Niederlage für die Ostdeutschen noch
glimpflich ausging. Anlass genug für einen gewissen
Herrn Rehberg, seines Zeichens Präsident des FC Hansa
Rostock, Ewald von seinen Traineraufgaben zu entbinden.
Waren es zu schwache Nerven oder einfach nicht
vorhandener Realitätssinn, der diesen Bundesligapräsidenten
zu solcherlei Handeln animierte? Ewald Lienen, der vor
einem halben Jahr Rostock fast ins internationale Geschäft
führte, dem danach einige Leistungsträger genommen
wurden, der soll also die Alleinschuld tragen am nun wohl
nicht mehr aufzuhaltenden Unterhagen der sog. Hanse-Kogge?
Jedenfalls war Ewald menschlich tief enttäuscht, was ich
durchaus nachvollziehen kann. Ja Herr Rehberg, Realität
und Wunschdenken sind halt oft nicht miteinander
vereinbar. Aber wenn Sie von Ihrem Handeln so überzeugt
sind, warum reagieren Sie dann so dünnhäutig, wenn
Volker Finke die Frage stellte, ob Hansa sich das leisten
kann, einen so hervorragenden Trainer vor die Tür zu
setzen. Da hätte ich doch Argumente statt Emotionen
erwartet. Aber irgendwie bin ich Ihnen auch dankbar, Herr
Rehberg, Ewald wird im gegensatz zu Hansa seinen Weg nach
oben fortsetzen, während Ihre Gegner demnächst Mainz, Köln
und Oberhausen heissen werden. Ich bin gespannt, welche
Aufgabe "Uns"-Ewald als nächstes übernehmen
wird.
Fazit der Lucky-Zebras:
Um mit Mik zu sprechen: WIR SEH'N UNS IN DER WEDAU, Ewald!
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